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Wir brauchen weiterhin ein hohes Verständnis für die Betroffenen psychischer Erkrankungen
Zwangserkrankungen, Phobien, psychosomatische Störungen und Depressionen Dissoziative und psychotische Erkrankungen
  • 07. März 2024

Wir brauchen weiterhin ein hohes Verständnis für die Betroffenen psychischer Erkrankungen

Von Dennis Riehle | Konstanz

Selbsthilfeinitiative: "Gleichzeitig müssen wir uns aber gegen eine kollektive Verzagtheit wenden!"

Angesichts von immer mehr Fehltagen aufgrund psychischer Erkrankungen und einer zunehmenden Überforderung gerade junger Menschen erklärt der Leiter der Selbsthilfeinitiative zu Zwängen, Phobien und Depressionen, Dennis Riehle (Konstanz), wie folgt:

Wer einmal seelische Erkrankungen von Zwängen bis Depression, von Phobie bis Psychose, in all ihrer Dramatik und niederschmetternder Belastung durchlebt hat, weiß einerseits um den Sinn von manchen Tiefen im Leben, die uns neue Resilienzfähigkeit und Wachstum schenken können - und uns somit vor künftigen Krisen immuner machen. Andererseits erkennt man in ihnen nach einer gewissen Zeit der Überwindung und Distanz rückblickend auch,  dass sie uns nicht zu Unrecht abverlangen, uns mit psychodynamischen Ursachen auseinanderzusetzen und damit eingefahrene Glaubenssätze und verkrustete Persönlichkeitsstrukturen zu hinterfragen - und nicht zuletzt zu erneuern.  Nach über 25 Jahren solcher Leiden und der überstandenen Täler erkenne ich an mir selbst mittlerweile gut, dass all die Tragik zwar bis an die Grenze des Existenziellen gereicht hat - allerdings ebenso zu einer reinigenden Katharsis führte, die notwendig war, um den innerlichen Kompost von unnötigem Unrat zu entleeren und für neue Dynamik freizuräumen. Für mich als Betroffener steht fest, dass es weiterhin einer Entstigmatisierung von Zwängen, Ängsten, Depression oder Psychosen braucht. Und dies gilt selbstverständlich auch im Beruf. Denn ein seelisches Leiden ist kein Ausdruck von Schwäche, wie es noch immer oftmals dargestellt wird. Auch ist niemand selbst dafür verantwortlich. Stattdessen sind die Ursachen meist multifaktoriell, wobei wir auch nicht den Umstand schönreden können, dass sich immer mehr Menschen überfordert fühlen - obwohl in Deutschland die Wochenarbeitszeit tendenziell zurückgeht. Da tut sich eine neue Schere auf, die nicht grundlos ist - und ihre psychodynamischen Wurzeln vor allem im fehlenden Handling mit Komplexität hat.

Offenbar hat sich einerseits unsere Belastungsgrenze verändert. Wir haben offenbar weniger Widerstandskräfte, können mit diffizilen Situationen und Herausforderungen heute schlechter umgehen. Dies dürfte nicht zuletzt auch daran liegen, dass immer mehr Menschen gerade in monoton anmutenden Jobs die Sinnhaftigkeit für ihr Tun fehlt, weil die Sensibilität für eine sogenannte "Work-Life-Balance" gestiegen ist. Entsprechend wird es auch die Aufgabe sein, durch Digitalisierung, Mechanisierung und Technologisierung diese Arbeitsfelder künftig eher Maschinen und Künstlicher Intelligenz zu überlassen - und dafür die Qualität derjenigen Berufe zu erhöhen, für die Menschen unverzichtbar sind. Gleichermaßen ist es aber auch die Aufgabe jedes Einzelnen, den Lebensalltag zu überprüfen und auf mögliche Verbesserungen, Optimierungen und Veränderungen hin abzuklopfen. Durch unseren Anspruch an Multitasking-Fähigkeit, das neben dem Job ständige Präsentseinwollen in der virtuellen Welt, die oftmals überhöhten Erwartungshaltungen der Gesellschaft und die verzerrten Glaubenssätze einer Leistungskohorte, das gleichzeitige Mischmitmischen an verschiedenen Schauplätzen und eine Verwischung der Grenzen zwischen Beruf und privat, unzureichend erlernte Konzepte zur mentalen Widerstandsfähigkeit oder ungenutzte Strategien zur Stressbewältigung scheinen wir denjenigen Anforderungen nicht mehr gewachsen, die noch Generationen vor uns gut gemeistert haben. Insofern braucht es Verständnis für psychische Erkrankung, das Bestärken und Hinnehmen eines kollektiven Verzagens wäre aber falsch.




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