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Das neue Selbstbestimmungsrecht führt den demokratischen Freiheitsbegriff ad absurdum
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  • 24. Dezember 2023

Das neue Selbstbestimmungsrecht führt den demokratischen Freiheitsbegriff ad absurdum

Von Dennis Riehle | Konstanz

Psychologischer Berater: "Wer ständig mit seiner Eigenfindung befasst ist, verpasst das Leben!"

Künftig soll jährlich ein Wechsel des Geschlechtseintrags in Deutschland möglich sein. Mit dem neuen Selbstbestimmungsgesetz wird damit dem Wunsch einer unendlichen Eigenverwirklichung Rechnung getragen. Nicht nur mit gesellschaftlicher Verbindlichkeit und Verlässlichkeit sind die Regelungen nicht vereinbar. Auch die normative Botschaft sei höchst fragwürdig, moniert der Psychologische Berater und Leiter des Philosophischen Laienarbeitskreises, Dennis Riehle (Konstanz), in einem Statement wie folgt:

Das neue Selbstbestimmungsrecht ist auch deshalb mit unseren Grundsätzen nur schwer vereinbar, weil es den Freiheitsbegriff überstrapaziert - und keine für den Rechtsstaat notwendige Abwägung der Interessen vornimmt. Denn die Profilierung der eigenen Person muss dort enden, wo sie gesellschaftliche Sitten, Werte und Rahmenbedingungen tangiert. Letztgenannte sind notwendig, um in einem gemeinschaftlichen Miteinander Verbindlichkeit und Verlässlichkeit garantieren zu können. Ist dies nicht mehr der Fall, nähern wir uns anarchischen Verhältnissen. Eine Sozietät kann es sich nicht leisten, aufgrund der Befindlichkeiten einer Minderheit, die es nicht vermag, für sich eine Kongruenz in der Identität herzustellen, Regeln aufzukündigen.

Würde dem Egozentrismus von einzelnen mehr Gewicht geschenkt als dem Anspruch der Mehrheit an eine Normierung von Aufgaben, Verantwortung, Verpflichtung, Funktion und Rolle des Bürgers in einem Staat, ließe man Willkür und Beliebigkeit gewähren. Dass es sich bei dieser Auseinandersetzung um den Ausgangspunkt für eine kulturpolitische Konfrontation mit der prinzipiellen Absicht an eine Umwälzung unseres repräsentativen Systems in Richtung einer ideologischen Oligarchie handelt, scheint angesichts der zahlreichen anderen Forderungen aus der grünen Wokeness offensichtlich. Das minoritäre Diktat der zeitgeistigen Gutmenschlichkeit und Korrektheit missbraucht die Tugend der Toleranz für das Durchdrücken von Idealen ohne Konsens in der Bevölkerung. Mit Verweis auf die Moralisierung und dem Totschlagargument des Respekts sollen auf diesem Wege all diejenigen diszipliniert werden, die sich aus guten Gründen für das Bewahren von Zuständen einsetzen, welche gerade nicht überholt sind - aber selbstredend im Widerspruch zum Mainstream stehen.

Es gibt wenige Fälle einer tatsächlichen Transsexualität, die nicht auf transvestitischen oder queeristischen Ambitionen beruht, wenn die Ausprägung der Geschlechtsmerkmale einerseits und die objektiv erkennbare Persönlichkeit andererseits keine Kongruenz zueinander bilden. Wenn sodann ein offensichtlich nachvollziehbarer, plausibler und medizinisch begründbarer Leidensdruck durch das Auseinanderklaffen zwischen den natürlich gegebenen Eigenschaften des Sexus, der wahrgenommenen Identität und der Zuschreibung der sozialen Rolle in Form des Genus vorherrscht, muss es selbstverständlich ab einem bestimmten Alter die Möglichkeit einer geschlechtsangleichenden Maßnahme geben. Doch auch diese findet im Rahmen der Binarität statt. Eine willkürliche genderistische Selbstbestimmung außerhalb gesellschaftlicher wie evolutionärer Normen und Konventionen ist dagegen eine durch den Zeitgeist verursachte Desorientierung, die auch psychologisch nicht zu rechtfertigen scheint.

Denn ein endloser Prozess der Eigenfindung, der in einem falsch verstandenen Freiheitsdenken vollkommene Beliebigkeit in der Geschlechteridentifizierung erlaubt, führt weder zu einer anzustrebenden Deckungsgleichheit zwischen Empfindung und Realität. Noch unterstreicht er die Notwendigkeit zum Ankommen in einer Heimat und einem Seelenfrieden, der letztlich von der ständigen Unrast des Suchens befreit. Deshalb muss die Botschaft bleiben: Es darf keinen permanenten Wechsel nach Tagesstimmung geben. Stattdessen ist der einmalige Wunsch nach Geschlechtsumwandlung in nicht nur subjektiv konkludenten Konstellationen legitim - und sollte unter Voraussetzungen entsprochen werden. Letztendlich gilt dies auch für die Entscheidung, sich im Rahmen zwischen Maskulinum und Femininum nicht abschließend festlegen zu wollen. Dieser Entschluss ist dann jedoch bindend - und darf schon allein aus Gründen der Verbindlichkeit und Verlässlichkeit in einer Gemeinschaft nicht jährlich neu erfolgen.


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Kommentare

1
Anonym
2 jahre vor
Lieber Herr Riehle,

eines der Hauptargumente gegen das SBGG ist, dass Kinder und junge Erwachsene in der Findungsphase zu schnell zu endgültigen Entscheidungen gedrängt würden. Gerade das ist mit dem SBGG in der vorliegenden Fassung nicht der Fall - weil die Entscheidung reversibel ist. Im Gegenteil: Durch den unkomplizierten Wechsel kann ein Mensch viel einfacher das gefühlte Geschlecht leben und ausprobieren - und dabei dann auch feststellen, wenn es eben doch nicht so passt! Sei es, weil der Mensch gar nicht trans ist und eher Probleme mit der Rollenerwartung der Gesellschaft hat oder er sich vielleicht im Spektrum zwischen Weiblichkeit und Männlichkeit bewegt (und das andere Geschlecht genauso wenig passt).

Die soziale Transition sollte der erste Schritt sein, ist aber für viele ungemein schwer - dies ist die Zeit des Outings, der (befürchteten oder tatsächlichen) Ablehnung durch wichtige Bezugspersonen, des Sich-Findens in einer neuen Außenpräsentation. Unterstützung durch den Staat, der diesen wichtigen Schritt anerkennt und dem Wunsch nach Namens- und Personenstandsänderung entspricht, sollte die soziale Transition leichter machen. Sollte dafür sorgen, dass trans (und eben auch spätere detrans) Personen sich ihrer Identität sicher sein können, bevor sie medizinische Maßnahmen ergreifen - die teilweise schwer bis gar nicht reversibel sind.

Natürlich müssen sich Personen in der Umgebung einer trans Person umstellen - Veränderung ist anstrengend, sich an einen neuen Namen und neue Pronomen gewöhnen ist sehr, sehr anstrengend. Aber es ist keine gesellschaftlich unzumutbarere Belastung, die unbedingt vermieden werden müsste. Der Anteil an trans Personen in der Gesellschaft ist sehr gering, die wenigsten von denen detransitionieren wieder. Es wird kein jährliches Hin- und Herwechseln geben. Aber es ist gut, wenn es auch die Option zurück gibt. Frühestens nach einem Jahr, Stand jetzt - in dem Zeitraum hat man genügend Zeit, um den Status quo zu reflektieren.

Und je einfacher eine Person sich ausprobieren kann, umso schneller und sicherer wird sie auch in ihrer Identität gefestigt sein. Um eben nicht ständig mit ihrer Eigenfindung befasst zu sein und so ihr Leben zu verpassen.

Herzliche Grüße nach Konstanz
Dagmar Merbecks
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