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Zahl der berichteten Guillain-Barré-Syndrome als Impfkomplikation steigt an
Dennis Riehle
  • 29. Januar 2023

Zahl der berichteten Guillain-Barré-Syndrome als Impfkomplikation steigt an

Von Dennis Riehle | Konstanz

Selbsthilfeinitiative erhält zunehmend Anfragen zu Diagnostik und Behandlung

Das „Guillain-Barré-Syndrom“ (GBS) gilt als seltene Erkrankung und tritt zumeist als eine akute inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie auf und stellt eine schwere neurologische Komplikation dar, die in eine chronische Verlaufsform übergehen kann. Zumeist tritt die Schädigung der peripheren Nerven als Folge eines Traumas in Form einer Infektion auf und betrifft in der Regel das Rückenmark oder die Nervenwurzeln. Wiederkehrend wurde das Syndrom auch in Zusammenhang mit einer vorausgegangenen Immunisierung gegen das Corona-Virus beschrieben. Und die Zahl der Betroffenen und Angehörigen, die sich bei der bundesweit tätigen Selbsthilfeinitiative zu Impfschäden melden, unterstreicht diese Vermutungen.

Wie der Leiter des ehrenamtlichen Angebots, Dennis Riehle (Konstanz), aktuell mitteilt, seien unter den derzeit pro Monat rund 100 - 200 eingehenden Berichten über anhaltende Nebenwirkungen nach einer Vakzin-Gabe auch regelmäßig zwei bis fünf Fälle eines verdachtsmäßigen GBS zu verzeichnen gewesen: „Hierbei handelt es sich um Patienten, die unter schweren Lähmungserscheinungen leiden und deren Symptome innerhalb weniger Stunden oder Tage nach der Impfung aufgetreten sind. Damit liegt ein zeitlicher Zusammenhang mit der Immunisierung auf der Hand, sodass von einer Kausalität ausgegangen werden kann“, erklärt der 37-jährige Riehle, der ebenfalls zwei Tage nach seiner Corona-Impfung unter den Einschränkungen litt und daher weiß: „Mit dem Guillain-Barré-Syndrom ist nicht zu spaßen, zumal bei mehr als jedem fünften Patienten langfristige Behinderungen zurückbleiben. Daher ist eine rasche Diagnostik und Behandlung notwendig, welche erfahrungsgemäß aber nur dann möglich ist, wenn der behandelnde Arzt die Dringlichkeit der Erkrankung frühzeitig erkennt“.

Laut Riehle sind neben einer ausgeprägten Muskelschwäche und Paresen auch Missempfindungen in den Extremitäten sowie oftmals typische Nervenschmerzen mit einem GBS einhergehend: „Im Gegensatz zu einer allgemeinen Polyneuropathie ist der Beginn der Beschwerden beim Guillain-Barré-Syndrom plötzlich und heftig. Daher muss rasch gehandelt werden. Vor allem die stark erhöhte Eiweißkonzentration im Liquor ist diesbezüglich ein wichtiger Indikator und Wegweiser und sollte den Mediziner hellhörig machen. Allerdings erzählen mir Betroffene, dass es daran oftmals scheitert und die Dramatik der Symptome nicht sofort erfasst worden sei. Neben einer Abnahme von Nervenwasser sollte unbedingt auch eine Elektroneurografie durchgeführt werden, denn neben einem auffälligen Laborbefund ist auch die deutlich herabgesetzte Leitgeschwindigkeit ein eindeutiges Indiz.

Zur differentialdiagnostischen Beurteilung sollte auch auf Antikörper vom Typ GM1 untersucht werden. Eine Elektromyografie und die Evozierten Potenziale sind daneben ratsame Maßnahme, um den Befund endgültig zu untermauern. Danach sollte zügig entschieden werden, welche Therapie eingeleitet wird. Typischerweise stehen hierfür eine Verabreichung von Immunglobulinen oder eine Plasmapherese zur Verfügung, wobei letztere vor allem bei langandauernden und intensivmedizinischen Fällen angewendet wird. Bei milden Verläufen kann auch eine konservative Schmerzbehandlung mit Physiotherapie kombiniert und durch eine Thrombosen verhindernde Medikation ergänzt werden und ausreichend sein. Kontrakturen sollten verhindert werden, durch lange Liegezeiten muss Druckgeschwüren mithilfe von entsprechenden Matratzen vorgebeugt werden. Wärmebehandlung ist sinnvoll, die Atemmuskulatur muss gegebenenfalls durch die Gabe von Sauerstoff entlastet werden. Kontraindiziert sind dagegen Kortison und bloßes Abwarten“, erläutert Dennis Riehle hierzu.

Bei der Selbsthilfeinitiative erkundigen sich viele Betroffene oder deren Angehörige auch immer häufiger in psychosozialer Hinsicht: „Hier geht es vor allem um Ansprüche auf eine Schwerbehinderteneigenschaft, Erwerbsminderungsrente oder Pflegebedürftigkeit. Zudem gibt es Fragen zur sozialen Absicherung bei längerer Arbeitsunfähigkeit und im Blick auf Kostenübernahme von medizinischer und beruflicher Rehabilitation durch die zuständigen Sozialversicherungsträger. Und nicht zuletzt steht der Erfahrungsaustausch und eine gewisse Ermutigung im Mittelpunkt“, sagt der Psychologische und Sozialberater, der auch in Seelsorge ausgebildet ist und meint: „Ein GBS ist ein schwerer Einschnitt in die Lebensführung. Da braucht es Zuspruch und Perspektive, die ich vor allem auch aus meiner Perspektive als selbst Erkrankter geben möchte.

Denn auch wenn die Polyneuropathie bei mir in einen chronischen Zustand übergeht, hadere ich nicht wirklich. Denn letztendlich muss man mit Gegebenheiten umzugehen lernen und sich an neue Umstände anpassen. Zur Erlangung von Widerstandskraft wäre eine Verdrängung der Wirklichkeit aber nicht förderlich. Viel eher braucht es ein ehrliches Auseinandersetzen mit der Realität. Weder Panik, noch Verharmlosung sind dafür nötig. Stattdessen hilft es, Ansätze der kognitiven Verhaltenspsychologie zu nutzen und sich mit Fakten über die Erkrankung auseinanderzusetzen. Das gelingt in der Akutphase nicht, sollte aber eine langfristige Strategie sein, um neue Hoffnung zu schöpfen. Geschichten anderer Betroffener zu lesen und zu hören kann hierbei ein entscheidendes Instrument sein, um nicht alleine mit der zweifelsohne großen Herausforderung fertig zu werden. Insofern stehe ich Ratsuchenden mit meinen Möglichkeiten zur Verfügung, Ihnen etwas Zuversicht zu geben“, so Riehle abschließend.




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