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„Unsere Energiewende wird von der Industrie vorangetrieben“
Helena Sarén, Head of Zero Carbon Future Mission bei Business Finland
  • 03. November 2025

„Unsere Energiewende wird von der Industrie vorangetrieben“

Von Lukas Schenk / Lena Hohlstein | Sputnik GmbH

INTERVIEW COP 30

Helsinki – Innovationen, Digitalisierung und kohlenstoffarme industrielle Transformation: Auf der diesjährigen COP 30 im brasilianischen Belém zeigt Finnland mit einem eigenen Pavillon, wie es marktfähige Klimalösungen entwickelt und damit international seine Vorreiterrolle in Sachen nachhaltiger Geschäftsmodelle unterstreicht. In einem Gespräch erklärt Helena Sarén, Head of Zero Carbon Future Mission bei Business Finland, was sie sich von der kommenden Weltklimakonferenz verspricht und warum die finnische Energiewende so erfolgreich ist.

Helena, am 10. November 2025 feiert das Pariser Klimaabkommen auf der COP 30 in Belém/Brasilien sein zehnjähriges Jubiläum. Von dem Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, ist die globale Gemeinschaft weit entfernt. Selbst das 2-Grad-Ziel scheint vielen Klimaexperten mittlerweile als unrealistisch. Was erwarten Sie von der COP 30 und wie bewerten Sie den aktuellen Stand der internationalen Klimapolitik?

Wie kann die Weltgemeinschaft den Übergang zu einer sauberen globalen Wirtschaft vorantreiben? Diese Frage steht im Mittelpunkt der Weltklimakonferenz. Der Privatsektor spielt dabei eine Schlüsselrolle. Meiner Meinung nach ist es wichtig, in Belém eine Einigung über die CO₂-Bepreisung zu erzielen, um Investitionen in den Übergang zu einer sauberen Wirtschaft rentabel zu gestalten, die Entwicklung klimafreundlicher Produkte zu beschleunigen und Kreislaufwirtschaftsmodelle zu fördern. Darüber hinaus regt die CO₂-Bepreisung Unternehmen dazu an, die Emissionen ihrer Geschäftstätigkeit zu reduzieren.

Aber nur, wenn das Verursachen der CO2-Emissionen für Unternehmen teurer ist als ihre Reduzierung oder Weiterverwertung.

Ja, genau. Auf diese Weise kann die CO2-Bepreisung auch als strategische Chance für Innovationen und eine stärkere Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen dienen. Es wird aber nicht nur um Mitigationsmaßnahmen gehen. Da die Folgen des Klimawandels bereits vielerorts sichtbar sind, werden sich viele Diskussionen auch um Adaptationsmaßnahmen drehen.

In jedem Fall ist es aber wichtig, über die Nationalen Klimabeiträge (Nationally Determined Contributions, NDCs) der Länder zu sprechen. Wie genau wollen sie die Treibhausgasemissionen reduzieren? Wie wollen sie sich an den Klimawandel anpassen? Ich erwarte, dass die NDCs der Länder ambitioniert genug sind, um globale Klimaziele wie die Begrenzung der globalen Erwärmung zu erreichen. Auch bin ich sehr gespannt auf den aktuellen Stand der Roadmap, die die Umsetzung der Klimafinanzierung für Entwicklungsländer konkretisieren soll. Ab 2035 gilt es, diese mit 1,3 Billionen US-Dollar pro Jahr zu unterstützen. Das wurde letztes Jahr in Baku bei der COP 29 beschlossen.

Der globale Verbrauch fossiler Energie ist nach wie vor zu hoch, um den Klimawandel entschieden zu bekämpfen. Finnland geht einen anderen Weg. Fossile Ressourcen machen nur knapp 1,7 Prozent des Energiemixes aus; 95 Prozent der Stromerzeugung sind bereits CO2-frei. Was sind die wichtigsten Erfolgsfaktoren der finnischen Energiewende? 

Wir haben keine eigenen Öl-, Gas- oder Kohlereserven. Deswegen haben wir erkannt, dass wir jene Ressourcen nutzbar machen müssen, die uns zur Verfügung stehen. Auf diese Weise haben wir ein resilientes Energiesystem entwickelt, das aus einem Mix aus Wind-, Wasser-, Bio- und auch Kernenergie besteht.

Dadurch ist unsere Stromerzeugung im Vergleich zu vielen anderen europäischen Ländern breit aufgestellt. Wir sind nicht von einzelnen Energiequellen abhängig, was die Sicherheit der Stromversorgung erhöht. Ein ausgewogener Produktionsmix sorgt zudem dafür, dass die Strom- und Fernwärmepreise in Finnland zu den niedrigsten in Europa gehören.

Während die Folgen des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine für die Energieversorgung in Ländern wie Deutschland gravierend sind, deckte die eigene finnische Energieproduktion 2024 bereits 96 Prozent Ihres Strombedarfs. Damit sind Sie nahezu autark. Das hat nicht nur geopolitische Vorteile, sondern stärkt auch das Zusammenspiel von Wirtschaft und Nachhaltigkeit. Warum?

Finnland trifft seine Energieentscheidungen seit langem mit einem starken Fokus auf Klima und Umwelt. Nachhaltigkeit ist kein Zusatz, sondern die Grundlage und der Ausgangspunkt unseres Handelns. Es besteht der gemeinsame Wille, auch in der Zeit nach der Ära der fossilen Brennstoffe eine wirtschaftliche Zukunft zu haben.

Die jüngsten weltweiten Öl- und Gas-Schocks, die beispielsweise durch den Krieg in der Ukraine verursacht wurden, haben gezeigt, wie gefährlich die Abhängigkeit von einzelnen Energieanbietern ist. Dies gilt sowohl für die Wirtschaft als auch für die Politik. Die Nutzung lokaler Energiequellen und der Aufbau starker strategischer Partnerschaften mit gleichgesinnten Ländern verringern geopolitische Risiken und erhöhen die Widerstandsfähigkeit der Gesellschaft.

Deswegen wird unsere Energiewende in Finnland stark von der Industrie vorangetrieben. Diese zielt auf Zusammenarbeit ab und entwickelt kohlenstoffneutrale Geschäftsmodelle, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit Finnlands zu steigern.

Damit zielen Sie auf die sogenannte „Finlandia-Erklärung“ ab. Was ist das?

Die „Finlandia-Erklärung“ ist eine Stellungnahme von mehr als 200 finnischen Technologie-, Chemie-, Forst- und Energieunternehmen. Sie bekundet das starke Bekenntnis der Industrie zur sauberen Energiewende und appelliert gleichzeitig an die Regierung, ihre ehrgeizigen Klimaziele und die damit verbundenen politischen Maßnahmen fortzusetzen. Ziel der Erklärung ist es, die Modernisierung der Industrie, nachhaltiges Wachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen zu beschleunigen. Sie fordert Maßnahmen wie die Sicherstellung der Verfügbarkeit von Rohstoffen, den Ausbau der Wasserstoffwirtschaft, die Beschleunigung von Investitionen in Energieproduktion und -netze sowie die Schaffung eines besseren Investitionsklimas.

Nachhaltige Energieerzeugung zum Beispiel ist auch ein gutes Geschäft. Solar- und Windenergie sind in den meisten Teilen der Welt die günstigsten Stromquellen. In Finnland etwa werden neue Windkraftprojekte ohne Subventionen umgesetzt.

Welche Erkenntnisse aus der finnischen Energiewende könnten auf EU- oder globaler Ebene angewendet werden?

In Finnland betrachten wir das Energiesystem als Ganzes und optimieren nicht nur einzelne Bereiche. So sollten beispielsweise auch Subventionen technologieneutral sein und sich grundsätzlich auf den größten Impact für eine nachhaltige Energieversorgung und -verbrauch konzentrieren. In diesem Zusammenhang können unsere smarten, flexiblen Stromnetze in Verbindung mit verschiedenen Energiespeichern als gutes Vorbild für andere Länder dienen.

Die Digitalisierung ist in Finnland weit vorangeschritten. Das ist eine zentrale Voraussetzung für eine funktionierende Energiewende, bei der die Erzeugung, der Verbrauch und die Speicherung von Strom in Echtzeit mit Hilfe großer Datenmengen aufeinander abgestimmt werden müssen.

Stabile, niedrige Strompreise für Verbraucher und Unternehmen, Energieeffizienz und sinkende CO2-Emissionen zeigen zudem, dass sich die energetische Transformation lohnt. Was haben Sie sich in Sachen Energiewende in den kommenden Jahren vorgenommen? Welche Industriezweige wollen Sie dabei stärken?

Die energetische Transformation der Industrien – nicht nur in Finnland, sondern in ganz Europa – ist entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Länder. In Finnland entwickelt sich die Energiewirtschaft bemerkenswert gut und hat ihre Ziele bereits übertroffen. Auch die Industrie, insbesondere das verarbeitende Gewerbe, hält ihre Klimaziele ein und ist gleichzeitig profitabel. So verzeichnete diese Branche bei uns in den Jahren 2021–24 eine Emissionsreduzierung von 45 Prozent bei gleichzeitiger Umsatzsteigerung von 43 Prozent.

Wir müssen uns auf die Förderung neuer nicht-fossiler Maßnahmen in den Bereichen Kraftstoffe, Chemikalien, Werkstoffe und Lebensmittel konzentrieren. Diese basieren auf CO2-Abscheidung und Wasserstoffwirtschaft. Um diese Reindustrialisierung auf europäischer Ebene erfolgreich zu gestalten, müssen wir unterstützende Regulierungen auf den Weg bringen, die Nachfragen schaffen und Investitionen fördern. Darüber hinaus sind Sektoren wie Kernenergie, Netze, Nutzfahrzeuge, Materialwissenschaften (Wertschöpfungsketten für kritische Mineralien und Batterien) und Logistik (Häfen und Flughäfen) von großer Bedeutung.

Das sind ambitionierte Ziele, die ein großes Wirtschaftspotenzial bieten. Auch für ausländische Firmen. In welchen Sektoren können finnische und deutsche Firmen am besten kooperieren?

Um die Wettbewerbsfähigkeit der EU zu steigern, können Finnland und Deutschland in den Sektoren Reindustrialisierung sowie Logistik und Transport gemeinsam erstklassige Transformationslösungen entwickeln. Im Bereich der Erneuerbaren Energien, beispielsweise beim Bau von Windkraftanlagen, gibt es bereits deutsche Unternehmen, die finnische Standorte aufgebaut haben. Auch hier sehe ich noch Potenzial. Darüber hinaus wird die Etablierung eines gemeinsamen sauberen Wasserstoffmarktes mit Produktion und Infrastruktur für die beiden Länder und für Europa insgesamt von strategischer Bedeutung für eine nachhaltige Energieversorgung sein. 

Weitere Informationen: www.businessfinland.com

Bild und Bildunterschrift (Quelle: Business Finland)

Helena Sarén, Head of Zero Carbon Future Mission bei Business Finland.jpg

„Wie kann die Weltgemeinschaft den Übergang zu einer sauberen globalen Wirtschaft vorantreiben? Diese Frage steht im Mittelpunkt der Weltklimakonferenz.“

Über Business Finland:

Business Finland ist die offizielle finnische Organisation für Innovationsfinanzierung, Handels-, Investitions- und Tourismusförderung. Sie wurde am 1. Januar 2018 durch die Fusion von Finpro und Tekes gegründet. Als öffentliche Einrichtung unter dem finnischen Ministerium für Beschäftigung und Wirtschaft zielt Business Finland darauf ab, den Wohlstand Finnlands durch nachhaltiges Wachstum zu fördern. Die Organisation beschäftigt 760 Spezialisten an 37 ausländischen Standorten und 16 Büros in Finnland. Business Finland unterstützt Unternehmen bei ihrem globalen Wachstum, fördert Innovationen und Forschung und arbeitet daran, das Land als attraktiven Standort für Investitionen und Tourismus zu positionieren.


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Käse und Käsemacher

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Warburg am Tag! ©Gerald Kaufmann

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